Kleines Merkblatt zur Pflege von hilfsbedürftigen Igeln
Mit freundlicher Genehmigung vom Arbeitskreis Igelschutz Berlin, Copyright © 1994 bei Pro Igel e.V.
Dieses Merkblatt kann keinesfalls alle Probleme. die hei der Pflege hilfsbedürftiger Igel auftreten. erschöpfend behandeln. Wir verweisen daher schon an dieser Stelle auf das am Schluss genannte Informationsmaterial und auf weiterführende Literatur.
Grundsätzlich gilt: Nicht jeder Igel braucht Hilfe, aber jede Hilfe muß richtig sein!
Igel gehören zu den besonders geschützten Tierarten. Das Bundesnaturschutzgesetz verbietet, sie zu fangen. in Besitz zu nehmen, sie zu verletzen oder zu töten. Es ist jedoch zulässig. verletzte oder kranke Igel aufzunehmen. um sie gesund zu pflegen. Sie sind unverzüglich in die Freiheit zu entlassen, sobald sie sich dort selbständig erhalten können.
Hilfsbedürftig sind:
1. Verwaiste Igelsäuglinge (tagsüber außerhalb des Nestes. Augen und Ohren geschlossen. evtl. unterkühlt).
2. Verletzte Igel.
3. Kranke Igel (tagsüber herumlaufend oder -liegend. apathisch, mager. eingefallene Augen) Ausnahme: Aufgestörte Igel (z.B. durch Gartenarbeiten) suchen auch tagsüber einen neuen Unterschlupf.
4. Igel, die nach Wintereinbruch, d.h. bei Dauerfrost und/oder Schnee, ebenfalls meist hei Tag herumlaufen.
Um solchen Tieren sachgerecht zu helfen, genügt Tierliebe allein nicht! Daher die dringende Bitte: Igelfinder mögen sich unbedingt umgehend mit einem Tierarzt und/oder einer Igelstation oder Igelberatungsstelle in Verbindung setzen. Dort wird der Igel nicht nur medizinisch behandelt, sondern auch fachkundiger Rat erteilt, ohne den verwaiste Igelsäuglinge. sowie viele kranke und verletzte Igel zu einem qualvollen Tod verurteilt sind.
Wenn ein vermutlich hilfsbedürftiger Igel gefunden wurde:
1. Funddatum, -uhrzeit, -gewicht und genaue Fundstelle notieren. (Damit beginnt der >>Pflegebericht<<. in den weiterhin Gewichtszunahme, Tierarztbesuche. verabreichte Medikamente usw. eingetragen werden.)
2. Geschlecht des Igels bestimmen (Männchen:
Hautiger Knopf = Penisöffnung in der Mitte der hinteren Körperhälfte. Weiblicher: Scheide unmittelbar vor dem After). Dies ist vor allem in den Sommermonaten wichtig. wenn säugende Muttertiere vorkommen.
3. Igel rundrum auf Verletzungen untersuchen.
4. Unterkühlte Igel (und verwaiste Igelbabys!) wärmen. (Unterkühlung: Die Bauchseite fühlt sich deutlich kälter an. als die eigene Hand.) Eine mit gut handwarmem Wasser gefüllte Wärmflasche mit einem Frotteehandtuch umwickeln. in einen passenden. hochwandigen Karton legen. Den Igel draufsetzen und mit einem weiteren Handtuch zudecken.
5. Fliegeneier und/oder -maden, Flöhe und Zecken entfernen. Fliegeneier- und -maden. die sich vor allem in der warmen Jahreszeit bevorzugt in Wunden, aber auch in sämtlichen Körperöffnungen finden, sammelt man sorgfältigst mit der Pinzette ah. Flöhe lassen sich mit speziellem Flohspray (z.B. Kadox abtöten. Zecken (nicht mit den Zitzen verwechseln!) zieht man mittels Pinzette ruckartig aus der Haut. Kein Öl verwenden!
6. In jedem Fall und so bald wie möglich Tierarzt, Igelstation oder Igelberatungsstelle aufsuchen!
7. Igelgehege mit Schlafhaus herrichten (siehe Unterbringung)
8. Füttern — Erstversorgung: Falls kein Katzendosenfutter zur Hand, ein Ei zerquirlen, mit wenig Fett. ohne Gewürze. in der Pfanne stocken lassen, mit der Gabel zerdrücken. Zum Trinken ein Schüsselchen mit Wasser (niemals Milch!) hinstellen.
9. Kotuntersuchung vorbereiten (Kot zweier Tage in einem Filmdöschen sammeln). Kotuntersuchungen gehen Aufschluss über Art und Größe des Befalls mit Innenparasiten bzw. über bakterielle Infektionen. Adressen von Untersuchungsämtern nennen Tierarzt, Igelstation, Veterinäramt.
10. Gesunde Igel sofort wieder - möglichst am Fundort - freilassen!
Igel sind weder Haustiere noch Kinderspielzeug!
Unterbringung: Igel sind Einzelgänger. Jeder Igel braucht also ein eigenes Gehege. Nur ganz junge Igel aus einem Wurf vertragen sich eine Zeitlang miteinander.
Ein Igelgehege soll mindestens 2 qm groß und absolut ausbruchsicher sein. Die Höhe der Seitenwände muss 50 bis 60 cm betragen. Am besten fertigt man das Gehege aus gut zu reinigenden, beschichteten Span- oder Hartfaserplatten an, und stattet es wegen der Wärmedämmung auch mit einem Boden aus. Diesen bedeckt man mit mehreren Lagen Zeitungspapier (nicht mit Sägemehl. Katzenstreu, Torf o.ä.), das täglich (!) zu wechseln ist.
Praxistipp: Zum Bau des Igelgeheges lassen sich auch (möglichst lange!) Schranktüren verwenden. Durch Bohrlöcher (Ø 8 min ) an allen Ecken werden die Teile mit fester Schnur o.ä. lückenlos verbunden. Pappe jeder Größe als « Teppich » verklebt, ergibt einen saugfähigen und auswechselbaren Boden.
Als Schlafhäuschen wählt man einen oben zuklappbaren Karton von ca. 30 cm Kantenlänge und versieht ihn mit einem seitlichen Schlupfloch von ca. 10 x 10 cm. Das Schlafhaus wird mit reichlich zerrissenem und zerknüllten Zeitungspapier (kein Heu/Stroh. keine Lappen, keine Holzwolle) gefüllt, das man hei Verschmutzung austauscht. Solange der Igel krank ist, bringt man ihn bei Temperaturen von 18 bis 20 C unter. Immer sind Lichteinfall und Belüftung nötig. Stark belebte Räume (Küche, Kinderzimmer) sind für den sehr geräuschempfindlichen Igel ungeeignet.
Ernährung: Igel sind Insektenfresser. In der Gefangenschaft soll man sie jedoch nicht mit Schnecken oder Regenwürmern ernähren, denn diese übertragen Innenparasiten.
«Grundnahrungsmittel» ist das nachfolgend beschriebene Futter: Eine Poularde und 1 kg Möhren zusammen kochen. Nach dem Abkühlen die Poularde und die Brühe entfetten. Die enthäutete, entbeinte Poularde und die Möhren klein schneiden bzw. durch den Fleischwolf drehen, mit 1 EL Kalzan sowie ca. 200 g Matzinger Hundeflocken vermengen und mit einem Teil der Kochbrühe anfeuchten. Man friert die Mischung in Portionen von 80— 100g ein. Dieses Futter lässt sich mit Hunde- oder Katzendosenfutter im Verhältnis 1: 1 strecken.
Statt der Poularde kann man auch angebratenes (durchgegartes) Rinderhackfleisch verwenden. Damit der Igel ausreichend mit Ballaststoffen versorgt wird, mischt man ebenfalls Matzinger Hundeflocken oder Futterhaferflocken bzw. Weizenkleie darunter.
Zum «Zähneputzen>> gibt man mindestens zweimal pro Woche gekochtes Hühnerklein mit den Knochen. jedoch enthäutet.
Während der Genesungsphase des Igels fügt man der Nahrung täglich etwa eine Messerspitze vitaminisiertes Mineralpulver (z. b. Korvimin) bei.
Die Nahrungsmenge hängt vom Körpergewicht des Igels ab. Ein mittelgroßer Igel frißt etwa eine Menge. die einen l50-g-Joghurtbecher füllen würde. Maßgebend ist aber vor allem die Gewichtszunahme (anfangs al1e zwei Tage, später wöchentlich wiegen . Zu Beginn der Pflege sollte der Igel täglich 10 bis 20 g. später 7 bis 10 g zunehmen.
Gefüttert wird einmal am Tag. und zwar abends. Futter und Wasser gibt man in flachen. kippsicheren Glas- oder Porzellannäpfen. Futterreste wegwerfen Näpfe täglich heiß spülen!
Winterschlaf: Erreicht ein in menschliche Pflege genommener Jungigel ein für den Winterschlaf ausreichendes Gewicht (600 bis 700 Gramm) erst sehr kurz vor Wintereinbruch oder gar danach, kann er nicht mehr ausgesetzt werden. Doch muss man ihm auch bei häuslicher Überwinterung Gelegenheit zum Winterschlaf gehen. Zu diesem Zweck stellt man sein Gehege in ein kaltes Zimmer. auf den Balkon. auf die Terrasse, in ein Gartenhäuschen oder man baut ein Freigehege im Garten. Kellerräume sind meist ungeeignet, weil zu warm. Die Umgehungstemperatur kann ohne weiteres der Außentemperatur entsprechen, sollte jedoch 6 °C nicht übersteigen. Bei höheren Temperaturen fällt der Igel nur in einen kräftezehrenden Dämmerschlaf, in dem er weder fressen, noch winterschlafen kann.
Praxistipp: Wenn dem Igel als Winterquartier der ganze Balken zur Verfügung steht, muss er lückenlosuntermauert sein. Selbst durch schmale Öffnungen kann er hinunterstürzen! Ebenso ist darauf zu achten, dass keine Stühle oder Tische zu dicht an der Brüstung stehen (Igel können sehr gut klettern!) Vorsieht auch mit Getränkekisten, Wassereimern, Tüten/Säcke ect. Igel können hineinkriechen oder -fallen.
Auch in seinem Winterquartier muss der Igel ausbruchsicher untergebracht sein. Ist der gewählte Ort vor Wind und Wetter geschützt, genügt es, das bisher benützte Schlafhäuschen in einen größeren Karton, andernfalls in ein Holzhäuschen (jeweils ca. 40 cm Kantenlänge) zu setzen. Zwischen beiden Häusern, sowie oben und unten, wird mit reichlich zerknülltem Zeitungspapier isoliert. Selbstverständlich schneidet oder sägt man auch in das Überhaus ein deckungsgleiches Schlupfloch.
Nachdem man den Igel in sein Winterquartier gebacht hat. füttert man ihn solange normal weiter, bis er das Futter nicht mehr anrührt. Bis dahin können einige Tage, aber auch Wochen vergehen.
Praxistipp: Das Futter stellt man am besten in ein Futterhäuschen, etwa einen umgelegten Getränkekarton. Bei kalten und/oder feuchten Böden eignet sich als Wärmedämmung von unten z.B. eine mit Zeitungen oder Pappe gefüllte und mit Paketklebeband gut verschlossene Plastiktragetasche (Höhe ca. 4 cm). Aus denselben Materialien lässt sich auch ein regensicheres Dach herstellen.
Auslauf und Häuschen reinigt man nach wie vor. Hat sich der Igel dann offensichtlich zum Winterschlaf zurückgezogen. klebt man mit zwei Stückchen Klebeband ein Blatt Toilettenpapier Vor das Schlupfloch. So kann man ohne ins Schlafhaus zu fassen — auf einen Blick erkennen, ob das Tier wieder aufgewacht ist und nachts sein Häuschen verlassen hat oder ob es weiterschläft.
Für alle Fälle stellt man ihm als «Notration» etwas Igeltrockenfutter und frisches Wasser hin. Unterbricht der Igel seinen Winterschlaf jedoch für einige Tage bekommt er sein normales eiweißreiches Futter.
Auch schlafende Igel täglich kontrollieren!
Wer beunruhigt ist, weil er seinen Winterschläfer schon lange nicht mehr gesehen hat, kann auch einmal ins Schlafhaus hineinsehen und den Igel befühlen. Ein schlafender Igel ist so zusammengerollt, dass man nur Stacheln sieht. Berührt man ihn, richten sich die Stacheln im Zeitlupentempo auf. Bei einem toten Igel sieht man meist Bauch. Pfötchen und Kopf. Während des Winterschlafs nimmt ein Igel je nach Dauer und Klima ein Fünftel bis ein Drittel seines Körpergewichts ab.
Aufwachen und Aussetzen: Nachdem der Igel —meist Ende März bis Mitte April aus dem Winterschlaf aufgewacht ist, muss er wieder aufgefüttert werden. Innerhalb von zwei bis drei Wochen erreicht oder übertrifft er sogar das Gewicht. das er vor dem Winterschlaf hatte (Aussetzgewicht von Jungigeln: ca. 700 800 g). Ideal ist es wenn er die Zeit bis zum Aussetzen in einem Freigehege verbringen darf. Er kann dort seine Muskeln trainieren und findet außer dem Futter im Napf auch schon etwas natürliche Nahrung, was ihm die Eingliederung in die Natur erleichtert.
Praxistrip: Ein Freigehege für einen Igel sollte mindestens 4qm groß sein. zwei Igel brauchen 8 qm usw.. Als Zaunmaterial geeignet sind z.B. Wellpolyester, PVC—Platten, Holzbretter, halbrunde Palisadenhölzer, sehr feiner Maschendraht. Der Zaun muss mindestens 50 ein hoch sein und 10 – 15 cm in den Boden eingegraben werden. Einen Drahtzaun schließt man oben mit einen, nach innen ragenden Brett ab, damit er nicht überklettert werden kann. Ein Baum oder Büsche im Gehege spenden dem Schlafhaus den nötigen Schatten.
Das Futter wird in ein regendichtes Häuschen mit gut zu reinigendem Boden gestellt. Um das Futter vor Katzen zu schützen, empfiehlt sich der Bau eines Futterhauses. (Es ist später auch gut zur Zufütterung der freilebenden Igel in den nahrungsarmen Jahreszeiten geeignet.) Auch im Freigehege ist Sauberkeit oberstes Gebot!
Die Zeit zum Aussetzen ist gekommen. wenn im Frühjahr Sträucher und Hecken ergrünt, die Nahrungstiere des Igels wieder vorhanden sind, und auch die Geranien in den Blumenkästen ins Freie kommen (ca. Ende April bis spätestens Mitte Mai).
Soll der Igel im eigenen Garten ausgesetzt werden, baut man einfach das Gehege ab, belässt aber das Schlafhaus und beschickt die Futterstelle weiterhin, bis der Igel beides ignoriert.
Kennt man den Fundort des Igels so ist er unbedingt dort wieder hinzubringen. Igel haben ein gutes Ortsgedächnis! Muss man ein Aussetzgelände suchen, ist zu beachten, dass der neue Lebensraum Nahrung und Deckung bietet. Nicht infrage kommen steile Hanglagen, feuchte Böden, Flussufer. Überschwemmungsgebiete, Nadel- und Laubhochwälder, ausgeräumte landwirtschaftliche Flächen, die Nähe von nachts stark befahrenen Straßen. Baustellen, Gebiete mit regelmäßigem Insektizideinsatz. Die beste Zeit zum Aussetzen ist die Abenddämmerung.
Praxistipp: Vor dem Aussetzen müssen meist die Krallen des Igels gekürzt werden. Betrachtet man sie von der Fußsohle aus, sieht man die hohlen Teile der Krallen, die abgeschnitten werden können.
Krankheiten: Weist ein Igel keine äußeren Verletzungen auf, dann sind wahrscheinlich Innenparasiten an seiner Schwäche und Magerkeit schuld. Zu den Innenparasiten zählen Lungenhaar- und Lungenwürmer sowie Darmhaar- und Darmsaugwürmer. Auch Kokzidien und Bandwürmer gehören dazu. Ein geringer bis mittelgradiger Befall mit Innenparasiten ist bei Wildtieren normal: ein Massenbefall jedoch, gar verbunden mit Nahrungsmangel oder Schwächung durch Säuglingsaufzucht, kann tödlich sein. Nahrungsverweigerung, Husten oder röchelndes Atmen sind z.B. sichere Anzeichen für einen massiven Lungenwurmbefall.
Andere Krankheitsanzeichen: Grüner. schleimiger, stinkender, mit Blut durchsetzter Kot. Durchfall. Blutungen aus Mund und Darm. Gleichgewichtsstörungen, Lähmungen, Apathie. schorfige Beläge auf der Haut, Abszesse. erheblicher Stachelausfall, Krämpfe (nicht mit plötzlichem Zusammenzucken oder Einrollen des Igels verwechseln!), blasse Schleimhäute, geschwollene Beine.
Neben den durch Parasiten verursachten Krankheiten treten bakterielle Infektionen (z.B. Salmonellen) und Pilzerkrankungen auch bei Igeln zunehmend auf.
Daher:
• Zögern Sie den Gang zum Tierarzt nicht hinaus! Weder Wärme noch Futter können eine der angeführten Krankheiten heilen!
• Beachten Sie im Umgang mit dem Igel die Grundregeln der Hygiene! Nach jedem Kontakt müssen die Hände gründlich gewaschen werden!
Die Aufzucht von verwaisten Igelsäuglingen ist Laien ohne Anleitung unmöglich. Nur soviel sei hier gesagt: Kuhmilch und alle Menschenbabynahrung (auch Heilnahrung) sind für Igelbabys völlig ungeeignet! Holen Sie sich bitte sofort Rat bei einer Igelstation oder den oben stehenden Vereinen!